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Minigeschichten


Der Geist (Okt - 01)

Das alte Schloss lag auf einer kleinen Anhöhe inmitten von Rapsfeldern. Schöne alte Eschen umgaben das Efeu-umrankte Gebäude, welches, besonders im Sommer, einen lieblichen Anblick bot. Die schmale Strasse wand sich, zuerst in sanften Bögen durch die gelb leuchtenden Felder, dann durch den Eschenhain hindurch und endete in schwungvollem Bogen vor dem Haupteingang.
Das Anwesen gehörte einem Grafen, der ein kleines aber feines Hotel aus alter Bausubstanz errichtet hatte, welches floriert hätte wenn nicht eine Sache gewesen wäre....
Der Graf hatte das Schloss von seinem Vater geerbt, der es seinerzeit aufgegeben hatte, weil es dort angeblich spuke. Einem Gerücht zur Folge, sei, vor vielen hundert Jahren, eine treulose Ehegattin, in einem Verliess irgendwo im dicken Gemäuer, lebendig eingemauert worden, und seither würden die schrecklichen, klagenden Schreie der Unglücklichen von Zeit zu Zeit durch die Räume hallen.
Der Graf, ein besonnener und fest im "hier und jetzt" verankerter Mann, hielt nicht viel von solchen mittelalterlichen Grusel-Geschichten. Er war vielmehr überzeugt, dass es sich bei dem Geräusch, das seine Gäste vertrieb, um ein natürliches Phänomen handle. Er hatte durch klopfen festgestellt, dass sich hinter einer, der in Frage kommenden Wände ein Hohlraum befinden müsse, und vermutete, dass ein Luftzug, der durch engen Ritzen pfiff, für das Geräusch verantwortlich sei.
Eines Tages beschloss er also, um der Sache auf den Grund zu gehen, die verdächtige Wand einzureissen. Er holte sich die dafür notwendigen Gerätschaften und machte sich an die Arbeit.
Die alte Mauer hielt lange Stand, so dass er sich zwei Tage lang kräftig abmühen musste, bis er dort angelangt war wo er den Hohlraum vermutete. Ein fester Schlag noch, und die restliche Mauer krachte in einer Staubwolke zusammen. Gleichzeitig vernahm er einen starken Luftzug, und - dann meinte er seinen Augen nicht mehr zu trauen!
Ein milchig-weisser Schatten schwebte in ca einem halben Meter Höhe über dem Fussboden an ihm vorbei, und verschwand zunächst aus seinem Blickfeld. Der Graf war vollkommen perplex und beeindruckt, und brauchte erst mal ein paar Sekunden bis er sich wieder gefasst hatte. Dann aber rannte er der Erscheinung nach, und sah sie wieder im Foyer, wo sie gerade in Richtung Salon verschwand. Er konnte in dem Schatten deutlich die Konturen einer weiblichen "Person" erkennen. Sie war sehr schnell unterwegs und er hatte grosse Mühe ihr zu folgen. Sie irrte mal hin, mal her während sie wimmernde Laute von sich gab, und unerschrocken lief unser Graf hinterdrein. Es kam ihm vor, als ob sie was bestimmtes suchen würde, aber das Haus war im Laufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut worden, und sie schien sich nicht mehr zurechtzufinden. Als sie zufällig in den Sanitärbereich hineingeriet und direkt vor der Tür mit der Aufschrift "Für Damen" stand, schien sie sofort zu verstehen. Mit lautem Aufschrei stürzte sie sich darauf, stieg direkt durch die geschlossene Tür hindurch und verschwand. Der Graf, Ehrenmann wie er war, wagte nicht, ihr bis auf's "Stille Örtchen" zu folgen, so blieb er unschlüssig stehen, um zu überlegen was er jetzt tun sollte.
Plötzlich hörte er etwas, was das Blut in seinen Adern gefrieren liess! Es war ein Seufzer, aber einer, den er nie mehr vergessen sollte. Ein Seufzer so voll herzzerreissender Erleichterung, den nur eine gequälte Kreatur - von Jahrhunderte altem Druck befreit - ausstossen kann! Nach so langer Verbannung im dunklen Verliess, jetzt endlich die Befreiung und Erlösung!
Danach wurde es vollkommen still. Als er, nach geraumer Zeit, zu öffnen wagte, um nach dem Rechten zu sehen, war die Erscheinung verschwunden.

Überflüssig zu sagen, dass im Schloss nach diesem Ereignis kein überirdischer Laut mehr aus den Wänden drang. Der Graf aber, eines Besseren belehrt, zweifelte seither nicht mehr an der Existenz von Geistern, und man konnte ihn des Öfteren im Dorfgasthaus antreffen, wo er die Geschichte einem jeden erzählte, der sie hören wollte.


Der Hecht (Sept - 01)

Der Karl M., nein, nein - nicht _der_ Karl, der andere - wollte unbedingt eine Winterreise machen, und es war ihm vollkommen gleichgültig, dass es Hochsommer war.
Im Zuge seiner Reisevorbereitungen, konsultierte er eine überarbeitete Fassung von einem ÖBB-Kursbuch vom 1952, dritte Auflage - ein Pracht-Schmuckband von 300 Seiten und Goldschnitt. Da stand es deutlich da: Wien-Berlin über München - 08.33, Gleis 3, Bahnsteig 2. Eigentlich wollte er ja nach Venedig, deswegen setzte er sich mit dem Gesicht nach Süden, was aber den Zug nicht davon abbrachte in nördlicher Richtung zu fahren.
Als er es bemerkte, war er schon kurz vor Rosenheim. Er rettete sich mit einem Hecht aus dem Fenster. Sein Glück war, dass gerade zufällig ein Vorgarten vorbeifuhr, und er landete mit elegant-wohlgeordnetem Seitensprung mitten in den, schon etwas welken aber duftenden, Sommerphlox, wobei er sich ganz leicht das Hirn verstaute, was aber nicht weiter auffiel, da er schon vorher nicht ganz Bock war. Sein Aktenkoffer verblieb im Zug, den Hecht aber, ein 7-Pfunder, hatte er noch, was dem Besitzer des Vorgartens ganz gelegen kam; er und seine 7-Köpfige Familie nahmen dankbar an.
Karls Aktenkoffer jedoch, landete in Berlin wo er ganz einfach verscholl. Den Hecht hätte er allerdings liebend gerne behalten, aber es hat eben nicht sollen sein.


Hexenstunde
Oder "Wie verwandle ich einen Menschen in einen Frosch" (Juli - 00)

Eiapopeia Hexenfreunde.

Es geht euch sicher oft so, dass man Menschen die einem total den letzten Nerv zieht, gerne mal in irgendwas verwandeln möchte. Die einfachste Variante wäre, mit einem einfachen, für jedermann nachvollziehbaren Ritual, die Nervensäge in einen Frosch zu verwandeln. Das kann jeder ohne weiteres durchführen. Man braucht dazu keinerlei Vorkenntnisse, man muss nur diese Anleitung ganz genau befolgen und der Erfolg ist garantiert. Man gehe also wie folgt vor:
Man nehme etwas Hausstaub mit ein Paar Milben drin (am besten aus dem Staubsauger-Beutel nehmen). Dann eine Handvoll Moos und ein Paar Tannenzapfen aus dem Wald holen. Eine schwarze Katze bräuchten wir noch und etwas Katzenfutter. Dann ein kleines Stuck gewöhnliche Tafelkreide, ein Küchenmesser, eine Salatschleuder (bzw eine alte Socke) und etwas Weihwasser. Ein Kompass noch, und wir hätten unsere Utensilien beisammen.
Dann wartet man bis gegen Mitternacht. Mit den Ingredienzen gehe man dann zu einem Ort wo man eine Weile ungestört sein kann. Dort zeichnet man mit gewöhnlicher Tafelkreide einen Kreis auf den Boden. In diesem Kreis wiederum, zeichnet man ein Pentagramm mit der Spitze nach Norden ausgerichtet, was man mit einem einfachen Kompass nachprüfen kann. Man nehme dann die Ingredienzen und betrete damit genau am Mitternacht den Kreis, wobei man unbedingt darauf achten muss Ehrfurcht vor den Kräften die man beschwört zu bekunden indem man laut die Worte ausspricht:

Necronomicon cum laude
wachse auf einer Staude
Credo quia absurdum
sei stets hier drumherum
Nobilissimus natura admittuntor
sei dreifach bedankt con furor!

Wenn man soweit ist lässt man zuerst die Katze über den Kreis und dem Pentagramm spazieren, und zwar so, dass sie genau von ost nach west läuft - VON OST NACH WEST HABE ICH GESAGT!!! WURDET IHR BITTE FREUNDLICHST AUFPASSEN??!!. So. Jetzt müsst ihr das Vieherl nochmals einfangen und das Ritual von vorne anfangen. Das kommt eben davon wenn man pressieren will und nicht aufpasst. Also. Wir nehmen also an, dass wir das Ritual korrekt durchgeführt haben und lassen die Katze in der vorgeschriebenen Richtung über den Kreis laufen.
Dazu brauchen wir das Katzenfutter, denn damit können wir die Richtung die das Tier einschlägt beeinflussen. Danach nehme man ein mit Weihwasser getränktem Küchenmesser und atme erst mal tief durch. NEEIIIIN!!!! NICHT DIE KATZE NEHMEN!!! Sie hat ihren Zweck jetzt erfüllt und man kann sie nun ihres Weges ziehen lassen! Sondern man hacke das Moos und die Tannenzapfen ganz klein und gebe es mit dem Staub in die Salatschleuder. Wenn du keine Salatschleuder hast, tut es auch eine alte Socke. Während des Schleudervorganges muss man die Worte

"Elle melle delle dulle - es werde ein Frosch aus der alten Schrulle"

laut und in einem beschwörenden Tonfall sprechen, jedoch mit viel Freude, Dankbarkeit und Sonne im Herzen.

Dann kommt der schwierigste Teil der Angelegenheit. Man muss die Substanz auf die Haut des Delinquenten bringen. Dazu muss man selbst kreativ werden.

Man kann ihm/ihr zum Beispiel scheinheilig die Hand zum Gruss reichen nachdem man etwas davon auf die eigene Hand gegeben hat (wobei man aber unbedingt darauf achten muss Handschuhe zu tragen, sonst wird man selbst zum Frosch!). Oder wenn man weiss, dass er/sie eine Türklinke anfassen muss, kann man kurz vorher unauffällig diese präparieren. Man kann die Substanz auch auf den Boden im Badezimmer streuen (aber Vorsicht - vor dem betreten des Badezimmers nach erfolgreich abgeschlossener Aktion: Boden zuerst reinigen!). Der Fantasie ist also keine Grenzen gesetzt.
Sobald die Substanz auf der Haut des Delinquenten gebracht ist, kann man zuschauen und zuhören wie es nach ganz kurzer Zeit (innerhalb einer halben Minute) auf einmal laut *KNÖRF* macht wobei der Delinquent sichtbar schrumpft. Dann macht es *FLOPP*, und ein allerliebster Frosch hopst etwas verwirrt herum. Diesen bringt man am besten gleich zu einem stehenden Gewässer und setzt ihn vorsichtig und mit vielen guten Wünschen am Rand ab. Danach hat man vor den unsäglichen Quengler ein für alle mal Ruhe, auf sauberer, geruchloser und umweltfreundlicher Weise.

Subilif sukop sukoh und viel Erfolg!
Licht und Liebe.


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(© Benny)